Gemona (IT)
50 Jahre Erdbeben
50 Jahre Erdbeben von Gemona – Erinnerung, Verantwortung und Lehren für die Gegenwart
Am 6. Mai 1976 wurde die norditalienische Region Friaul-Julisch Venetien von einem der verheerendsten Erdbeben Europas im 20. Jahrhundert erschüttert. Das Epizentrum lag nahe der Stadt Gemona del Friuli. In wenigen Sekunden verloren fast 1.000 Menschen ihr Leben, mehr als 100.000 wurden obdachlos, historische Ortskerne und jahrhundertealte Kulturgüter wurden nahezu vollständig zerstört.
Die Vorgeschichte des Bebens ist geprägt von einer geologisch hochaktiven Zone an der Nahtstelle zwischen der afrikanischen und der eurasischen Platte. Bereits vor 1976 war die Region immer wieder von Erdstößen betroffen, doch das Ausmaß der Katastrophe überraschte Bevölkerung und Behörden gleichermaßen. Nachbeben, insbesondere im September 1976, verschärften die Situation dramatisch und behinderten Rettungs- und Wiederaufbauarbeiten.
Das Ereignis markierte einen Wendepunkt im Katastrophenschutz Europas. Der Wiederaufbau in Gemona und den umliegenden Gemeinden erfolgte nach dem Prinzip
„com’era, dov’era“ – so wie es war, dort wo es war – und gilt bis heute als beispielhaft. Gleichzeitig wurden neue, strengere Bauvorschriften eingeführt, die Erdbebensicherheit erstmals systematisch berücksichtigten. Auch die Organisation des Zivilschutzes wurde grundlegend reformiert und professionalisiert.
50 Jahre später ist Gemona ein Symbol für Widerstandskraft und gemeinschaftliches Handeln.
Die Erinnerung an das Erdbeben ist fest im kollektiven Gedächtnis verankert und mahnt zur Wachsamkeit. In Zeiten des Klimawandels und zunehmender Naturgefahren bleibt die Lehre von 1976 aktuell: Prävention, verantwortungsvolle Raumplanung und Solidarität sind entscheidend, um zukünftige Katastrophen zu bewältigen. Das Gedenken an Gemona ist daher nicht nur Rückblick, sondern Auftrag für die Gegenwart und Zukunft.
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Freundschaftliches Zusammenrücken
Das Erdbeben von Gemona (Friaul) am
6. Mai 1976 um 21:00 Uhr erschütterte den gesamten Alpen-Adria-Raum. Die Erdstöße erreichten eine sehr hohe Intensität (Mercalli etwa 8–9); binnen weniger Augenblicke brachen Häuser zusammen, Straßen und Leitungen rissen, und
eine zweite starke Stoßserie im September 1976 verschärfte die Zerstörungen nochmals.
Für Kärnten war das Beben mehr als ein „fernes“ Unglück: Besonders das Gailtal wurde deutlich in Mitleidenschaft gezogen. Eine Kärntner Schadensaufnahme (u.a. im Auftrag der KELAG) ordnet das Gailtal – von Kötschach-Mauthen bis Arnoldstein – als Region mit der höchsten Häufigkeit an Bauwerksschäden ein; in Seitentälern traten sogar sehr starke Beschädigungen auf, bis hin zu Einstürzen von Decken und Dachkonstruktionen oder der Notwendigkeit, Gebäude teilweise abzutragen. Gleichzeitig zeigte sich, wie entscheidend der Untergrund ist: Auf wassergesättigten Sedimentböden (Kies, Sand, Moor) waren Schäden oft deutlich stärker als nur wenige hundert Meter weiter auf Fels oder verdichteter Moräne.
Gerade in Kötschach-Mauthen und entlang der Gail bedeutete das für viele Familien Risse im Mauerwerk, bröckelnden Putz, gelockerte Kamine und Schäden an älteren Gewölben – plus die Angst vor Nachbeben.
Und doch entstand aus der Erschütterung auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl, weil vielen klar wurde, wie eng man mit den Nachbarn „drüben“ verbunden ist. Aus dieser Nähe wurde rasch
Hilfe. Schon wenige Tage nach dem Beben fuhren Helferinnen und Helfer aus Kärnten nach Friaul, räumten Trümmer, suchten nach Überlebenden und organisierten vor allem Trinkwasser, weil die Wasserversorgung vielerorts zusammengebrochen war. Feuerwehren aus Kärnten waren mit Tankwagen im Einsatz und versorgten Menschen in zerstörten Orten; sie brachten eine möglichst unabhängige Infrastruktur mit – vom Treibstoff bis zu Sanitärlösungen. Neben privaten Sammlungen in Gemeinden und Vereinen unterstützten auch Rettungsorganisationen und das Bundesheer die grenzüberschreitenden Einsätze.
Dieses Zusammenhelfen wirkte über die akute Katastrophe hinaus: Es festigte die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Zivil- und Katastrophenschutz im Alpen-Adria-Raum und blieb in vielen Orten – auch im Gailtal und in Kötschach-Mauthen – als praktische Erfahrung zurück, dass Solidarität über Grenzen hinweg im Ernstfall nicht „Zusatz“, sondern Überlebensprinzip ist.
Unmittelbare politische Reaktion
In den ersten Stunden und Tagen nach dem Beben zeigte sich – wie bei vielen Großkatastrophen – eine gewisse Unkoordiniertheit zwischen staatlichen Stellen, Militär und lokalen Behörden. Sehr schnell jedoch erkannte die nationale Politik die Dimension der Katastrophe. Die italienische Regierung unter
Giulio Andreotti (damals Ministerpräsident einer Übergangsregierung) stellte umfangreiche Soforthilfen bereit und erklärte den Ausnahmezustand.
Schlüsselperson: Giuseppe Zamberletti
Die zentrale Figur des Wiederaufbaus war Giuseppe Zamberletti, Staatssekretär im Innenministerium. Er wurde mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet und gilt als Vater des modernen italienischen Zivilschutzes. Zamberletti setzte auf:
- schnelle Entscheidungswege
- enge Zusammenarbeit mit Gemeinden
- Einbindung der Bevölkerung
Sein Ansatz brach mit der bis dahin stark zentralistischen Verwaltungstradition Italiens.
Regionale Verantwortung
Auf regionaler Ebene spielte Antonio Comelli, Präsident der Region Friaul-Julisch Venetien, eine entscheidende Rolle. Er setzte politisch durch, dass:
- die Gemeinden weitgehende Autonomie beim Wiederaufbau erhielten
- lokale Identität, Baukultur und soziale Strukturen bewahrt wurden
- Das berühmte Prinzip „com’era, dov’era“ wurde politisch abgesichert und finanziell ermöglicht.
Parlament und Gesetzgebung
Das italienische Parlament verabschiedete mehrere Sondergesetze (ab 1976/77), die:
- erhebliche staatliche Mittel freigaben
- neue erdbebensichere Bauvorschriften einführten
- Bürokratie gezielt reduzierten
Diese Gesetzgebung war ungewöhnlich effizient für italienische Verhältnisse und wurde parteiübergreifend getragen – von Christdemokraten, Sozialisten und Kommunisten.
Langfristige Folgen
Politisch führte das Erdbeben von Gemona zur institutionellen Geburt des Protezione Civile, wie sie heute existiert. Der Wiederaufbau Friauls wurde zum Gegenmodell späterer Katastrophen (etwa Irpinia 1980), bei denen Korruption und Verzögerungen dominierten.
Gemona zeigte: politische Verantwortung, lokale Selbstbestimmung und Vertrauen in die Bevölkerung können Katastrophenbewältigung nachhaltig erfolgreich machen.
Diego Carpenedo
Er spielte beim Erdbeben von 1976 eine lokal sehr bedeutende Rolle, insbesondere im Raum Gemona del Friuli. Er steht exemplarisch für jene kommunalen Verantwortungsträger, die den Wiederaufbau praktisch möglich machten.
Rolle während und nach dem Erdbeben
Carpenedo war zur Zeit des Erdbebens Bürgermeister von Gemona del Friuli (bzw. führendes Mitglied der Gemeindeverwaltung) und damit unmittelbar mit der Katastrophe konfrontiert. Nach der nahezu vollständigen Zerstörung der Stadt übernahm er Verantwortung in einer Phase, in der Verwaltungsstrukturen zusammengebrochen waren große Teile der Bevölkerung evakuiert oder obdachlos waren Entscheidungen unter extremem Zeitdruck getroffen werden mussten Carpenedo organisierte gemeinsam mit Gemeinderäten, Technikern und Freiwilligen:
- die Notunterbringung der Bevölkerung
- die Sicherung der Ruinen
- die Wiederaufnahme kommunaler Entscheidungsfähigkeit
Bedeutung für den Wiederaufbau
Seine wichtigste Rolle lag im politischen Schulterschluss mit der Bevölkerung. Carpenedo setzte sich früh dafür ein, dass:
- Gemona nicht aufgegeben oder verlagert wurde
- der Wiederaufbau unter starker Einbindung der Bürger erfolgte
- historische Strukturen und das soziale Gefüge erhalten blieben
Damit war er ein lokaler Träger des später berühmten Prinzips „com’era, dov’era“, das auf nationaler Ebene durch Zamberletti und die Regionalregierung abgesichert wurde, auf kommunaler Ebene aber von Persönlichkeiten wie Carpenedo umgesetzt werden musste.
Politische Einordnung
Im Gegensatz zu Giuseppe Zamberletti oder Antonio Comelli war Diego Carpenedo kein Architekt der nationalen Gesetzgebung, sondern ein praktischer Gestalter vor Ort. Seine Arbeit steht für:
- Vertrauen in kommunale Selbstverwaltung
- Transparenz gegenüber der Bevölkerung
- moralische Autorität in einer Ausnahmesituation
Historische Bewertung
In der Erinnerung Friauls gilt Diego Carpenedo als Symbol kommunaler Verantwortung und Integrität. Ohne Bürgermeister und lokale Entscheidungsträger wie ihn wäre der international gelobte Wiederaufbau Friauls politisch nicht umsetzbar gewesen.
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